| Der Französische Verband für Cliometrie | ||
| Der Französische Verband für Cliometrie (AFC) wurde im Jahre 2001 gegründet. Cliometrisch ausgerichtete Arbeiten in Frankreich und im Ausland, also wirtschaftstheoretisch strukturierte und quantitative Geschichtsforschung in internationaler Zusammenarbeit auf der Grundlage statistisch-ökonometrischer Informationen - das ist das Anliegen des Verbandes. Für uns als gute Popperianer besteht das Ziel der Wissenschaft nicht in der Produktion eines wahren Ergebnisses. Uns geht es um das Akzeptieren einer rationalen Kritik, also um die Überprüfung der Theorie durch Tatsachen und gegebenenfalls um die Widerlegung der Theorie. Die Objektivität der Wissenschaft ist nicht das Ergebnis mangelnder Sensibilität oder fehlender politischer Ansichten der Wissenschaftler, sie entsteht auch nicht dadurch, dass die Wissenschaftler über die Interferenzen ihrer Arbeit mit den Werturteilen (von denen sie sich freimachen müssen, um die Probleme klarer erfassen zu können) erhaben sind, sondern sie ergibt sich aus der Möglichkeit, ihre Ergebnisse der Kritik einer Gemeinschaft loyaler Wissenschaftler zu unterziehen. Wir haben mehr denn je das merkwürdige Gefühl, dass viele unserer Kollegen, Historiker und Ökonomen, die Cliometrie gleichsetzen mit einem conversation stopper oder dem Auslaufmodell einer Forschungsrichtung, als ob wir eine Art climacteric der Cliometrie durchlebten. Das ist umso bedauerlicher, als sich seit Beginn der 80er-Jahre viele Fachleute erneut der Geschichte zuwandten, da sie Zweifel an der übertriebenen Mathematisierung der Wirtschaft hatten. Andererseits haben die Formalisierung und die Verwendung sozio-ökonomischer Mechanismen in der Geschichtswissenschaft zu Fortschritten in deren Hypothesen und Interpretationsmethoden geführt. Jede Wissenschaftsdisziplin ist mehr oder weniger stark mit ihren benachbarten Fachbereichen verbunden und steht gleichzeitig natürlich in einem Komplementaritäts- und Konkurrenzverhältnis zu ihnen. Für die Cliometrie heißt diese Überlegung, dass die Ökonomie Analyseinstrumente hervorbringen muss, derer sich die Geschichtswissenschaft bedient. Die Cliometrie beschränkt sich jedoch nicht auf das Testen ökonomischer Hypothesen. Mit umfassenderen historischen Kenntnissen können die allzu schnell als legitim betrachteten ökonomischen Vorschläge relativiert werden. Es gilt nunmehr, die Voraussetzungen für einen effektiven Tausch zu schaffen, der die Verschmelzung von Geschichte und Ökonomie bewirken kann. Doch wie kann das erreicht werden? Einerseits muss der Ökonom die Möglichkeit haben, eine gewisse Historizität in seinen Analysen zu erreichen, und andererseits muss der Historiker erkennen, dass Theorien, Modelle und Paradigmen für die Erklärung der historischen Kausalitäten unabdingbar ist. Eine Herausforderung, die umso anregender ist, als sie eng mit dem (nach wie vor aktuellen) Methodenstreit zusammenhängt, in dem sich Anhänger der new economic history bzw. der Cliometrie und Vertreter einer weniger quantitativen Wirtschaftsgeschichte gegenüberstehen. Bevor wir zu dieser sicherlich wichtigen, wenn auch vor allem kollektiven Etappe übergehen, möchten wir eine Art Soll und Haben aufstellen, eine Bilanz also, die auf der Soll-Seite die Gründe für das Misstrauen gegenüber cliometrisch inspirierten Arbeiten, und auf der Haben-Seite die Ursachen aufzeigt, die uns Mut für die Weiterführung unsere Pionierarbeit in dieser Disziplin geben. Wir meinen, dass drei Gründe uns helfen könnten, die Vergangenheit hinter uns zu lassen und in Umrissen einen Neuanfang, eine Art neue Weltanschauung zu definieren, in Fortsetzung der Labrousse-Geschichte bzw. der quantitativen Geschichte, wie sie Simon Kuznet in Europa eingeführt hat.
Doch angesichts dieser noch zu lösenden Schwierigkeiten sollte nicht vergessen werden, dass es günstige Perspektiven oder zumindest mögliche Initiativen gibt, die uns angesichts der vorhandenen Zwänge nach und nach mehr Spielraum verschaffen werden.
Wir wollen der Cliometrie einen neuen Aufschwung verleihen und zur Erarbeitung gemeinsamer Antworten auf die grundlegenden Fragestellungen zur Zukunft unserer Gesellschaften beitragen. Welche Faktoren bewirken ein dauerhaftes Wirtschaftswachstum? Ist der technische Fortschritt allein in der Lage, größeren sozialen Wohlstand zu schaffen, oder kann die Akkumulation des Kapitals ebenfalls zu einer anhaltenden Erhöhung des Pro-Kopf-Einkommens der Bevölkerung erzielen? Welche Produktionsfaktoren bewirken ein dauerhaftes Wirtschaftswachstum: das physische Kapital, das Umweltkapital, das Humankapital, das soziale Kapital oder das technologische Wissen? Welche Mechanismen garantieren einer Marktwirtschaft eine lange Wachstumsperiode? Usw. Wenn es z. B. gelänge, für alle entwickelten Länder einen spezifischen Kausalitätszusammenhang herzustellen, der die Grundlage für die Perioden der Entwicklung oder der Kontraktion des ökonomischen und sozialen Systems bildete, könnte man auch bestimmen, ob die gegenwärtige Strukturkrise des sozialen Systems eine Folge der allgemeinen Krise des ökonomischen Systems ist oder ob im Gegenteil die Krise des ökonomischen Systems durch die organische Krise des sozialen Systems verursacht wurde. Die Antwort ist von großer Bedeutung, denn man kann sich unschwer vorstellen, dass die Beantwortung dieser Frage Einfluss auf die Politik der Behörden hat. Ist es das soziale System, das das ökonomische System "treibt", muss man in einer ökonomisch schwierigen Periode zur Überwindung der depressiven Phase Maßnahmen ergreifen, die vorrangig auf die Wiederherstellung des sozialen Gleichgewichts abzielen. Ist der Kausalitätszusammenhang jedoch umgekehrt, muss man vor allem die großen wirtschaftlichen Ausgewogenheiten wiederherstellen, wodurch das Gleichgewicht des sozialen Systems erzielt werden kann. Claude DIEBOLT, für die AFC. |
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